Weshalb soll über den Holocaust unterrichtet werden?

Es ist wichtig zu überlegen, wie jede Auseinander- setzung mit dem Holocaust für die Lernenden in ihren nationalen Kontexten am besten sinnvoll und relevant zu machen ist. Dieses Kapitel soll politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern, Schulleitungen, Lehrenden und anderen an Bildungs- fragen Interessierten bei der Formulierung von Beweggründen, warum der Holocaust unterrichtet werden soll, helfen, indem eine Vielzahl von Zielen benannt werden, um die es bei der Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehen kann. Dies ist besonders für IHRAMitgliedsstaaten wichtig, die sich ja verpflichtet haben, den Holocaust in ihren Ländern zu unterrichten.

Dies ist ein Auszug aus den Empfehlungen zum Lehren und Lernen über den Holocaust; Laden Sie hier das vollständige Dokument herunter.

Lehren und Lernen über den Holocaust bietet eine wichtige Möglichkeit, kritisches Denken, gesellschaftliches Bewusstsein und die Entwicklung der Persönlichkeit zu fördern. Der Holocaust war ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Er griffüber geografische Grenzen hinaus und veränderte dabei alle gesellschaftlichen Bereiche, mit denen er in Berührung kam. Mit der Erinnerung und der historischen Hinterlassenschaft des Holocaust ringen Gesellschaften im Kontext heutiger Herausforderungen auch noch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu diesen Herausforderungen gehören anhaltender Antisemitismus und Xenophobie, drohende Völkermorde, die fortdauernde Migrationskrise und die Bedrohung vieler demokratischer Normen und Werte. Dies ist insbesondere angesichts der Zunahme autoritärer Regierungen sowie populistischer und extremistischer Bewegungen in (liberalen) Demokratien von Bedeutung.

Lehrende in Institutionen (wie z. B. in Schulen) und informellen Umfeldern (wie z. B. in Museen und vergleichbaren Einrichtungen) können Lernende durch interdisziplinäre Zugänge, die auf gesichertem historischem Wissen basieren, motivieren. Auch wenn der Holocaust seinerzeit einzigartig war, war er doch ein von Menschen verursachter Prozess, der schwierige Fragen aufwirft: über individuelle und kollektive Verantwortung, die Bedeutung aktiver politischer Teilnahme und über die Strukturen und gesellschaftlichen Normen, die für einzelne Gruppen sowie für die Gesellschaft als Ganzes zur Gefahr werden können.

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Schlüsselargumente für den unterricht über den Holocaust

 

A woman looks at a presentation, black and white
Photograph by Luis Paredes.
  • Der Holocaust war der beispiellose Versuch, alle europäischen Jüdinnen und Juden zu ermorden und so ihre Kultur auszulöschen. Er hat die menschliche Wertordnung in ihren Grundfesten erschüttert.

  • Die Holocaust-Forschung hebt hervor, dass ein Völkermord kein spontanes oder unvermeidbares Ereignis ist, sondern ein Prozess, der bekämpft und womöglich auch angehalten werden kann. Der Holocaust zeigt, wie eine Nation die Strukturen ihrer Verwaltung, deren Verfahren und technische Fähigkeiten unter aktiver Mitwirkung vieler Teile der Gesellschaft für Praktiken einsetzen kann, die von Ausgrenzung und Diskriminierung bis zum Völkermord reichen.
  • Die Erforschung der Holocaustgeschichte kann die Rolle historischer, sozialer, religiöser, politischer und wirtschaftlicher Faktoren bei der Aushöhlung und dem Verfall demokratischer Werte und Menschenrechte verdeutlichen. Eine solche Untersuchung kann die Schülerinnen und Schüler zu einem Verständnis der Mechanismen und Prozesse führen, die Völkermord verursachen, und sie im Gegenzug zur Reflexion über die Bedeutung von Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Institutionen veranlassen. Dies kann die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, jene Umstände zu identifizieren, die zur Aushöhlung solcher Strukturen beitragen, und über ihre eigene Rolle und Verantwortung beim Schutz dieser Prinzipien nachzudenken, um so Menschenrechtsverletzungen vorzubeugen, die Massenmord den Weg bereiten können.
  • Unterricht und Lernen über den Holocaust bieten die Gelegenheit, Entscheidungen und Aktionen zu analysieren, die von zahlreichen Menschen in einer sich zuspitzenden Krise getroffen (oder nicht getroffen) wurden. Dies soll der Erinnerung dienen, dass Entscheidungen Konsequenzen haben, und zwar unabhängig von der Komplexität der Umstände, unter denen sie getroffen wurden. Zahlreiche Einzelpersonen, Institutionen, Organisationen und staatliche Behörden waren am Holocaust auf lokaler, nationaler, regionaler und globaler Ebene beteiligt. Die Analyse und das Verstehen von ausgeführten oder unterlassenen Handlungen auf verschiedenen Ebenen während des Holocaust wirft schwierige Fragen in Bezug auf die Art und Weise auf, wie Individuen und Gruppen auf die Geschehnisse des Holocaust reagierten. Ob der Fokus auf dem politischen Kalkül von Staaten oder auf den alltäglichen Sorgen und Interessen einzelner Personen (wie z. B. Angst, Gruppenzwang, Habgier oder Gleichgültigkeit) liegt – es wird klar, dass Dynamiken, die bekannt und ganz gewöhnlich scheinen, außerordentliche Auswirkungen hatten.
  • Unterricht über den Holocaust kann die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, kulturelle Ausdrucksformen und Darstellungen dieses Ereignisses kritischer zu interpretieren und zu beurteilen. Dadurch kann die Gefahr der Manipulation verringert werden. In vielen Ländern ist der Holocaust zu einem Thema oder Motiv geworden,das sich sowohl in populärer Kultur als auch im politischen Diskurs, oftmals durch Repräsentation in den Medien, widerspiegelt. Lehren und Lernen über den Holocaust kann Schülerinnen und Schülern dabei helfen, Verharmlosungen und Fehler zu bemerken, wenn der Holocaust als rhetorisches Mittel für soziale, politische oder moralische Agenden verwendet wird.
  • Die Analyse des Antisemitismus im Kontext der NS-Ideologie wirft ein Licht darauf, wie sich Vorurteile, Stereotype, Xenophobie und Rassismus manifestieren und auswirken. Antisemitismus überdauerte den Holocaust und nimmt nachweislich wieder zu. Unterricht über den Holocaust schafft Raum für die Befassung mit der Geschichte und Entwicklung des Antisemitismus – eines wesentlichen Faktors, der den Holocaust möglich machte. Wenn man verschiedene Mittel untersucht, die verwendet werden, um Antisemitismus und Hass zu schüren, wie Volksverhetzung, Propaganda, Manipulation der Medien und gezielte Gewalt gegen bestimmte Gruppen, so kann das Schülerinnen und Schülern dabei helfen, die Mechanismen zu verstehen, die eingesetzt werden, um Gesellschaften zu spalten.
  • Unterricht über den Holocaust kann Schülerinnen und Schülern auch dabei unterstützen, der Holocaust-Opfer zu gedenken, was in vielen Ländern bereits kulturelle Praxis ist. Oftmals werden Schülerinnen und Schüler im Rahmen schulischer Veranstaltungen zur Teilnahme an internationalen und lokalen Gedenkveranstaltungen eingeladen. Gedenken kann Lernen über den Holocaust nicht ersetzen – aber die Schülerinnen und Schüler brauchen die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, um sich das Wissen und Verständnis anzueignen, das nötig ist, um heute auf sinnvolle Weise zu gedenken und diese kulturelle Praxis auch in Zukunft fortzusetzen. Auch kann Gedenken den Teilnehmenden dabei helfen, sich emotional mit dem Geschehen auseinanderzusetzen. Die Bearbeitung belastender oder traumatischer Geschichte erfordert Einfühlsamkeit und kann Raum für philosophische, religiöse oder politische Reflexion schaffen, die in den Lehrplänen womöglich schwer unterzubringen ist.